Die Aufgabe, die wir uns gestellt hatten, war klar definiert und die Frage schien eigentlich leicht zu beantworten.

„squadra del cuore“, die Mannschaft des Herzens, einfach mal erzählen und darstellen, warum Hellas Verona meine „squadra del cuore“ ist. Nun ja, warum eigentlich?

An sich keine wilde und allzu abwegige Geschichte. Doch, irgendwie auch lustig – hat man doch selbst diese ganzen Umstände nie so wirklich reflektiert.

Von Kindesbeinen an bin ich ein absoluter Fußballnarr gewesen. Bolzplatz oder Training am Tage, kicker Fußballmanager und später jener von EA am Abend – Fußball bestimmte früh mein Leben. 

Während ich am lokalen Bundesligaverein nie Gefallen finden konnte, und so – weshalb auch immer – seit jeher mit dem kleinen Lokalrivalen sympathisiere, konnte ich dem deutschen Fußball generell nur wenig abgewinnen. 

Fasziniert war ich hingegen von Geschichten und Spielern wie Mario Jardel, dem Kopfballungeheuer; von Pauleta, der Tormaschine; oder von Mateja Kezman, dem – zumindest in meinen Augen – größten Torjäger aller Zeiten, damals, was sich leider auf seine PSV-Zeit beschränken würde. 

Man merkt deutlich: mein einziger Fixpunkt im Leben, neben den Schulzeiten und den Fußballtrainings, das war tatsächlich der Montagabend samt seiner wöchentlichen Ausgabe von Eurogoals auf Eurosport.

Laola TV am späten Montagabend auf DSF? Zunächst Fehlanzeige, zu jung. Das Bett rief – so sollte die Serie A zunächst ein Mythos bleiben.

Ein Mythos, der so unnahbar und ungreifbar schien. 

Und doch, der kicker brachte mir jenen Mythos irgendwann dennoch anschaulich ins Haus, zunächst montäglich, später auch noch donnerstäglich – rückblickend muss ich gestehen, welch Schmach dieses investierte Geld für die Handvoll Seiten “Internationaler Fußball” doch war.  

Wie dem auch sei – ich saugte alles auf über den Fußball in jenem Land, in welchem ich mehrfach jährlich mit meinen Eltern, meinem Bruder und unserem Caravan verkehrte. Glücklicherweise nur wenig in touristischen Hochburgen, oftmals am „deutschen Michel“ vorbei.

Schnell verehrte ich Christian „Bobogol“ Vieri (heute weiß ich: er war sogar um Welten besser, als der kicker ihn beschrieb); Francesco Totti; die Römer Meistermannschaft; die Scudetto-Laziali um Nedved, Conceicao und Simeone; Parma um Buffon, Veron und Cannavaro – ich könnte diese Liste noch ewig weiterführen, doch ihr wisst alle was ich meine, ihr kennt alle diese Faszination jener fußballerischen Kindheits- und Jugendtage, egal wann und zu welchen (Fußball-)Zeiten ihr geboren seid.

Verfestigt wurden diese Eindrücke durch das erste Premiere Sport-Abo meines Vaters: plötzlich konnte ich klangvolle Paarungen wie Lecce gegen Bari tatsächlich live in Bild und Farbe verfolgen, Spiele wie Brescia gegen Atalanta oder Piacenza gegen Hellas Verona. 

Als Konsequenz würde ich später in der Schule Italienisch wählen, so sehr verdrehte der calcio mir den Kopf. Und eben Verona.

Verona, dieser Name. 

Hellas, diese Einzigartigkeit.

Während der Campingtrips mit meinen Eltern durch Europa suchte ich immer den nächstgelegenen Platz auf und zockte, meistens ohne meinen Bruder, nur ich alleine, ganz im Stile der „Großen“.

Ich genoss es, immer das „local team“ der nächsten Stadt zu sein: so hatte ich Schwärmereien für Racing Strasbourg mit Chilavert und Ljuboja oder zu Rapid Wien um Steffen Hofmann.

Doch, wie angedeutet, verbrachte ich die meiste Zeit jener Campingausflüge im wunderschönen Norden Italiens, vorwiegend im Friaul, in Südtirol und Trentino oder im Veneto.

Da Udinese ohnehin für mich nie in Frage kam, sie auch nur in irgendeiner Form „nachzuspielen“ – was tatsächlich an den so Juventus-ähnlichen Trikots lag – war der Verein der Stadt in nächster Nähe notgedrungen eben immer jener mit diesem einzigartigen Namen: Hellas Verona.

Früh fing ich so an, Resultate der Veroneser zu verfolgen, Highlights zu schauen, auf Homepage und „hellaswall“ zu stöbern. 

Gilardino, Mutu, Laursen, Frey – ich sah sie in Gialloblu spielen und „Weltkarrieren“ hinlegen, wohlwissend, dass jener Provinzverein niemals auch nur ansatzweise etwas gewinnen würde.

Daten wie der 12. Mai 1985 wurden mir schnell ein Begriff, ebenso wie der Veroneser Slang um butei oder die berühmt-berüchtigte Brigate Gialloblu. Ganz zu schweigen von dieser einzigartigen Symbolik, die Stadt und Verein miteinander verbindet. 

Wer einmal in Verona gewesen ist, dem fällt es schwer, die Schönheit dieser Stadt zu vergessen. Sie zieht dich sofort in ihren Bann. So auch mich.

Es war teilweise mühsam, die Spiele zu verfolgen, Serie B und C hinterließen ihre Spuren, ich verfolgte Verona mal mehr und mal weniger. 

Doch, es muss im ersten Jahr nach dem Abstieg aus der B gewesen sein, da fiel mir zudem auch noch Tim Parks‘ legendäres Buch in die Hände, welches meine Helden einer längst vergangenen Saison knapp ein Jahrzehnt zuvor begleitete. 

Mindestens Gilardino und Frey kommen darin vor, an sie erinnere ich mich zumindest in diesem Kontext – das festigte mein Interesse an und meine Sehnsucht nach Verona immer weiter.

So kam es, dass ich zu Drittligazeiten der Scaligeri auf Elba und Sardinien im alten verwaschenen Legea-Hellas-Trikot kickte; natürlich umso stolzer, dass die Bayern-Fans aus Norddeutschland mich auslachten, weil Juventus ja so viel besser sei.

Von mir aus. War mir immer egal. 

Erfolg hat mich nie interessiert im Fußball, viel mehr zogen sämtliche Kurven, sowohl nah als auch fern, meine Blicke seit jeher nahezu magisch an. 

Wer einmal in jungen oder alten Jahren das „in Italia Hellas, in Europa Hellas, ovunque Hellas – per sempre gialloblu!“ durch die Hellas Army der Veroneser Curva Sud brachialst in seine Ohren gezimmert bekommen hat, der vergisst es seine Lebtage nicht mehr. 

Ovunque Hellas – der Verein, mit dem komischen Namen, welcher aber doch so gar nichts mit Griechenland zu tun hat, sondern für Heimat steht – dieser Verein hat auch bei mir seine Heimat gefunden, warum auch immer. 

In meinem gelbblauen Herzen – squadra del cuore!

per sempre gialloblu

(und @mw, Pescara merda!) 🙂