sajuti, venezia!

Es war eines der bestimmenden Themen der letzten Wochen: ChievoVerona muss aufgrund finanzieller Verfehlungen den Gang nach unten antreten, raus aus der B, bis mindestens in die D. Während deutsche Medien ob des Untergangs des sympathischen Underdogs aus der Stadt, die jeder deutsche Tourist doch ohnehin irgendwann einmal im Rahmen eines Gardasee-Urlaubs besucht hat, fast ausnahmslos in Melancholie verfielen, war der Tenor in Verona ein ganz anderer: Gleichgültigkeit.

Ob die Esel aus dem Vorort Chievo, wo es mit Ausnahme des Süßwarenherstellers Paluani und der Etsch so rein gar nichts zu sehen oder zu erleben gibt, nun fliegen oder nicht fliegen – das ist dem Veroneser grundsätzlich völlig gleich. Und auch der restlichen Bevölkerung im Veneto, mit seinen historischen Städten sowie der durchaus beachtlichen Dichte an historisch-großen Fußballvereinen, konnte jener Zwangsabstieg des einmaligen Champions League-Qualifikation-Teilnehmers keine außergewöhnlichen Emotionen entlocken. 

Hellas Verona war und ist der große Verein der Stadt. Ein Verein, der polarisiert, der irgendwie auch dieses stolze Veroneser Eigenbild passgenau widerspiegelt und wie nur wenige andere Vereine in Europa seine Stadt repräsentiert. 

Und der einen alten Rivalen nach über zwei Jahrzehnten zurück in der italienischen Beletage begrüßen kann – einen Rivalen aus einer Stadt, die seit Jahrhunderten blutige Kämpfe mit der Stadt Verona und seinen Adelsgeschlechtern und Einwohnern führte. 

Verona und Venezia.

Zwei Städte, deren Namen das Herz des typischen deutschen Italien-Touristen sofort erwärmen lassen:

„Weißt du noch, wie wir am Balkon von Romeo und Julia nur 3,5 Stunden anstehen mussten, um ein Foto an vorderster Front machen zu können?“; „Weißt du noch, wie wir auf dem Markusplatz nur 5,70€ für einen Expresso (sic!) gezahlt haben?“ – mentalità calcio wünscht all denen herzliches Beileid, die sich hier in ihrem letzten Italien-Urlaub wiedererkennen.

Nichtsdestotrotz, die Schönheit und Einzigartigkeit der beiden Städte rechtfertigt grundsätzlich und selbstverständlich sämtliche Reisetätigkeiten über den Brenner hinweg in Richtung Veneto.

Beide Städte verbindet eine jahrhundertelange, gemeinsame Geschichte.

Verona bekam bereits im 3. Jahrhundert v. Chr. von den herrschenden Römern Stadtrecht zugesprochen, noch heute sind die Mauern der Arena di Verona beeindruckende Zeugen dieser römischen Herrschaftszeiten. 

Zunächst allerdings, lange vor der hiesigen Gegenwart, fiel Verona in die Hände germanischer Stämme, gehörte kurzzeitig sogar dem bayrischen Königreich an, während de facto der komplette nordöstliche Teil Italiens unter Veroneser Herrschaft stand. 

Der Staufer Barbarossa war es dann, der als Auslöser für die Begründung des Veroneser Bundes gilt: Als Reaktion auf dessen in den Augen der norditalienischen Städte misslungene Bevollmächtigtenauswahl, gründeten Verona, Padova, Venezia und Vicenza jenen Bund, der im Jahr 1167 nach dem Beitritt weiterer Städte zum sogenannten Lombardenbund wurde. Es folgten wahre Kämpfe und Schlachten gegen Barbarossas Heer, um Städte wie Mailand oder Verona. 

Die Einigkeit zwischen den norditalienischen Städten war letztendlich elementar für den späteren Friedensprozess, der mehr oder weniger so bis 1250 anhielt – zu diesem Zeitpunkt starb dann der bis dahin herrschende Enkel von Barbarossa. Reichsitalien zerfiel in der Folge und der Städtebund zur Verteidigung gebündelter Interessen wurde hinfällig. 

Verona hatte im nun beginnenden 13. Jahrhundert fortan Autonomiestatus. Es begann ein jahrhundertelanger Aufstieg, in deren weiteren Verlauf die Familie Scaligeri – la famiglia della scala – eine nicht unwesentliche Rolle spielte, wie noch heute unschwer in der Stadt Verona sowie im (alten und neuen) Wappen Hellas Veronas zu sehen ist.

Die Familie der Scaligeri kamen an die Macht, als Vicenza, Padua und Treviso bereits unter der Herrschaft Veronas standen. Die Scaligeri führten die Stadt zu Reichtum und Macht; schafften es, ihre Herrschaft „erblich“ zu machen – in der Folge fielen sogar die Städte Parma und Brescia unter die Herrschaft der Scaligeri. 

Das relevante Nordostitalien war fortan nahezu vollständig unter Veronas Fittichen – nur ein kleiner Teil konnte sich allen Widrigkeiten zum Trotz behaupten: das stolze, allzeit besondere Venezia. 

Die lombardische Herrscherfamilie Visconti, sozusagen die „Scaligeri Mailands“, erkannte die wachsende Unzufriedenheit anderer Veroneser Adelsfamilien und marschierte mit deren Unterstützung in Verona ein. 

Zur selben Zeit, zu Beginn dieses 15. Jahrhunderts, weiteten die Venezianer unter Herrschaft des Dogen Michele Steno ihr Staatsgebiet aggressiv aus: Die Terraferma begann, die Eroberung des norditalienischen Festlands durch die Veneziani. 

Dem Reichtum der Veroneser tat die Herrschaft der Nachbarn keinen Abbruch, die Stadt florierte weiterhin, wie die prachtvollen Bauten aus Herrschaftszeiten der Scaligeri und der Veneziani noch heute eindrucksvoll beweisen. 

Verona blieb über mehrere Jahrhunderte venezianisch, bis es letztendlich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in die Hände Österreichs fallen würde und später einer der Hauptorte des italienischen Freiheitskampfes gegen die Habsburger wurde. 

Die Gegenwart der Geschichte ist in beiden Städten greifbar, dementsprechend werden die Aufeinandertreffen in der Liga mit Spannung erwartet.

Die letzten Ligaduelle dieser zwei alten Rivalen gab es in Veronas Aufstiegssaison 2018-19, nachdem es zuvor aufgrund diverser sportlicher und wirtschaftlicher Probleme auf beiden Seiten fast über zwei Jahrzehnte keine Begegnungen gab.

Das letzte Duell allgemein liegt hingegen noch gar nicht mal allzu weit entfernt: Am 28.10.2020 empfingen die Scaligeri die Löwen aus Venezia anlässlich eines Spiels der dritten Pokalrunde, in welchem sich eine Veroneser B-Mannschaft nach einem 3-3 im Elfmeterschießen durchsetzen konnte – leider zu diesem Zeitpunkt pandemiebedingt noch ohne Zuschauer.

Aufgrund der Aufmerksamkeit, welche sich die Venezianer mit ihren Trikotpräsentationen ermöglicht haben, die eher an die Präsentation irrsinniger Hipster-Modeaccessoires an der New York Fashion Week als an die Präsentation neuer Trikots eines italienischen Fußballvereines erinnerten, wird die Veroneser Anhängerschaft nochmal ungemein heißer auf dieses alte Derby sein – insbesondere, da die neue Außendarstellung auch in der Fanszene der Arancioneroverde teilweise alles andere als gut ankam. 

Es erwarten uns spannende Duelle (Dezember 21 und Februar 22) zweier Teams, die sicherlich direkte Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt sein werden. 

Für beide wird es sich allerdings um viel mehr als nur um ein bloßes sportliches Duell handeln: Es geht für die Beteiligten um die seit Jahrhunderten bestehenden Auseinandersetzungen der Städte Verona und Venezia; um die Vormachtstellung im stolzen Veneto, im Nordosten Italiens.

tifoso del verona

sr

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